Zweiter Teil:

Ein Einkommen für jeden Menschen ist sozial und wirtschaftlich vernünftig

Grundeinkommen, Baum

In Würde ein angenehmes materielles Leben führen zu dürfen, ist eine Selbstverständlichkeit in einem fortgeschrittenen Sozialwesen. Das war im Wesentlichen der Inhalt des ersten Teils dieser Betrachtungen. Hier, im zweiten Teil, werden Vorschläge zur konkreten Umsetzung gemacht.

Ein menschlich fortgeschrittenes Gemeinwesen, eine soziale Gemeinschaft mit spirituellen Einsichten, aber auch mit wirtschaftlicher Vernunft, sorgt tatsächlich dafür, dass immer weniger menschliche Wesen mit animalischer Energie um ihr Überleben kämpfen müssen. Mehr noch: Es gibt dem einzelnen Mitglied der Gesellschaft die Möglichkeit, am kulturellen Leben der Gesellschaft teilzuhaben. Es geht also um mehr als nur ein Existenzminimum.

Jedes Mitglied der Gemeinschaft, jeder Neugeborene, auch jeder, der neu eingeladen wird, hinzuzuziehen, wird willkommen geheißen. Das Thema der Migration sollte würdevoll behandelt werden.

 

Rituale, Rechte und Pflichten und die eine Ausnahme

Eine Art „Taufritual“ zur Aufnahme in eine menschliche Gemeinschaft würde sehr nützlich sein. Während eine Kirche den Täufling in ihre Konfession aufnimmt, soll der Staat den Neuaufzunehmenden mit einer kleinen Feier in der großen, säkularen Gemeinschaft eines freiheitlichen Sozialwesens willkommen heißen.  Das Standesamt macht das ohnehin schon längst in unserer Gesellschaft, beispielsweise bei Hochzeiten. Da wird ja nicht nur ein Vertrag unterzeichnet, sondern gleichzeitig eine kleine Feierlichkeit begangen mit einer bestimmten rituellen Abfolge.

Hier stellt sich sogleich die Frage, ob bei einer Aufnahme in eine Gemeinschaft die Rechten und Pflichten des Individuums genannt werden sollten. Das kann durchaus sinnvoll sein, wenn auch in einer sehr knappen und grundsätzlichen Form. Denn mit der Praxis der Rechte und Pflichten wird man ohnehin konfrontiert durch die Verfassung und die Anwendung der Gesetze eines Gemeinwesens. Ein Recht hat in der Regel eine Pflicht als Gegenleistung, eine Pflicht in der Regel einen Ausgleich durch ein Recht. So funktioniert das soziale Leben überall. Nur eine Ausnahme gibt es, und dies ist sehr wichtig, zu verstehen:

 

Das Recht zu leben, das Recht, eine gesicherte Existenz zu haben, braucht durch keine Leistung bezahlt werden!  Der sicher bevorstehende Tod eines jeden geborenen Wesens ist bereits die Gegenleistung für das Leben. Diese wird aber offensichtlich nicht einem Menschen dargebracht, sondern dem Leben selbst.

 

Würden Faulheit und Missbrauch überwiegen?

Das Argument, dass Faulheit und Antriebslosigkeit uns Menschen in hohem Maße überfallen würden, wenn wir für unsere leibliche Existenz nicht mehr kämpfen müssten, das Argument des Missbrauch all derer, die sich bequem und „unrechtmäßig“ auf den Wohltaten eines sozialen Organismus ausruhen würden, ist in Wahrheit ein Argument des Neides und ein Argument der Missgunst. Menschen, die so argumentieren, mangelt es an Glauben und Vertrauen in die schöpferische Kraft des Menschen, an den Willen zum Guten im Menschen. Letztendlich würden wir immer in Unmündigkeit verharren, wenn wir nicht den Glauben an etwas Neues, Gutes, Machbares in uns hätten, der uns den Mut gibt, das, was noch nicht vorhanden ist, zu schaffen.

Ein wenig sadistisch ist es schon, wenn wir meinen, wir müssten einem Menschen durch Drohung und Schmerzen erleben lassen, dass er sich für sein persönliches Überleben schon recht anstrengen müsse. Sollte ein Mensch am Leben verzweifeln oder aus eigener Kraft keinen Lebensantrieb mehr schaffen kann, gibt es dafür spirituelle, sozialpädagogische, therapeutische und medizinische Hilfe.

Wir würden genusssüchtig werden, wir würden entmenschlichen, das ist das Argument derer, die es „gut meinen“ mit uns. „Wir müssen Leidensdruck spüren, um uns zu verbessern.“  Ja, dieses Argument ist nicht von der Hand zu weisen, nur gilt es nicht, wie wir gesehen haben, wenn es um ein gesichertes Überleben geht.

 

Kein Kommunismus            

Eine Gemeinschaft mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen ist kein Kommunismus, wie wir ihn geschichtlich kennen gelernt haben. Denn im Kommunismus war ein Höherverdienst nur sehr begrenzt möglich, während in der aufgeklärten Gesellschaft, die auf einem Bedingungslosen Grundeinkommen basiert, dem Zuverdienst überhaupt keine Grenzen gesetzt sind.  Jeder, der das will, kann Millionär werden.

 

Auch ein Millionär bezieht das Grundeinkommen. Jeder Mensch, ohne Unterschied von Reichtum, Alter, Rasse, Glaube. Eine neu auflebende Spendenkultur, wobei Spender hohes Ansehen genießen werden, kann und soll sich in der Folge entwickeln.

 

Paradigmenwechsel in der Steuerpolitik

Das Steuersystem muss einer gründlichen Gerechtigkeitsprüfung unterzogen werden. Da wird vieles wegfallen, was wir heute für sakrosankt betrachten und andere Steuereinnahmen werden hinzukommen, denen wir unter Umständen heute noch sehr viel Widerstand entgegenbringen.

So ist nicht einzusehen, dass ein Einkommen, das ein Mensch erzielt, besteuert werden soll. Das ist staatlich vollzogener Diebstahl. Mit seiner Kreativität, seinem Fleiß, seiner Hingabe, seiner Ausdauer oder mit seinem Glück erwirtschaftet ein Mensch ein Einkommen. Niemals darf ihm davon zwangsweise etwas wieder abgeführt werden, also etwas weggenommen werden. Dabei ist es völlig gleichgültig, wie hoch dieses Einkommen oder dieser Gewinn ist. Jede Form von Einkommensteuer muss fallen gelassen werden, denn sie ist eines freien Menschen unwürdig.

Selbst wenn man in dieser Frage jeglichen Neid für sich persönlich überwunden hat,  wird man vielleicht ungläubig den Kopf schütteln und fragen, woher denn dann um Gottes Willen die Einkünfte des Staates kommen sollen, mit denen er ja schließlich das Bedingungslose Grundeinkommen für jeden finanzieren soll.

 

Ich sehe eine Möglichkeit darin, die Mehrwertsteuer, die der Name für eine eigentliche Konsumsteuer ist, dafür zu benutzen. Besteuert soll das werden, was für den Konsum vorgesehen ist. Und hier müssen wir wahrscheinlich mit einer hohen Steigerung des Mehrwertsteuersatzes rechnen. Wenn die Waren und Dienstleistungen erheblich teurer werden, wird sich auch das Grundeinkommen von den heutigen, sehr knapp bemessenen Grundsicherungs-Regelsätzen sehr drastisch unterscheiden. Eine vorsichtig geäußerte, langfristige Zielmarke könnten € 1500,- sein, wobei durch vernünftige Berechnungen das Grundeinkommen ständig angepasst werden muss an das sich in lebendiger Entwicklung befindliche Wirtschaftsniveau einer Gemeinschaft.

Wie all das zu rechnen ist, wie es im Zeitalter der Globalisierung, der internationalen Märkte und des Internethandels möglich ist, diese Steuer zu erheben oder vielleicht wie man neue Besteuerungen finden kann, das kann nicht Gegenstand dieser Erörterung sein. Dafür brauchen wir kreative Köpfe in Politik, Wirtschaft und Kultur, die an diesem Paradigmenwechsel  in der Steuerfrage arbeiten.  In meiner Erörterung geht es um etwas sehr Grundsätzliches, noch nichts Detailliertes. Erst wenn die Grundlinien eines gerechten Denkens und Empfindens klar werden, können wir zu einer Ausgestaltung in den vielfältigen Detailfragen voranschreiten.  Mir ist sehr bewusst, dass dort noch manche nicht zu kleine Hindernisse stecken können, die aber mit Leidenschaft und klarer Zielausrichtung in teils mühevoller Kleinarbeit zu bewältigen sind.

 

Die Vision

Wir setzen uns unsere Ziele selbst. Wir arbeiten an dem und für das, was wir lieben.

Die Vision ist eine Menschheit, die arbeitet, um die eigenen Fähigkeiten nach außen zu setzen, um zu helfen, um kreativ zu sein. Jeder wird das Betätigungsfeld finden, worin er in Liebe arbeiten kann.  Manche Menschen werden  vielleicht sogar äußerlich nichts tun wollen, sie wollen denken, träumen, vielleicht auch Dinge aufschreiben oder mit Worten kommunizieren.  Jeder tut irgendetwas Nützliches. Auch die sogenannten Behinderten.

Über die Vorzüge, in einem solchen freiheitsliebenden Staatsgebilde zu leben, kann man sehr dankbar sein.

 

Ein kreativer Schub wird durch das Land gehen, ein Aufatmen wird da sein. Wir werden kreative Ressourcen in uns wecken. Jeder Mensch wird das tun können, was er liebt zu tun.  Auch schwere Arbeit gehört dazu, denn man kann auch lieben, etwas Schweres zu tun. Aber man wird nicht mehr gezwungen dazu.

Künstler werden nicht mehr um ihre Existenz besorgt sein müssen. Der Arbeitsmarkt wird ungemein belebt werden, es wird Minijobs geben, eine große Beweglichkeit bei der Arbeitssuche, reichhaltige Angebote.

Studiengebühren werden als kompletter Witz abgetan werden, denn einem Studenten, der ja wahrlich genügend Leistung bringt, wird man nicht auch noch Geld aus der Tasche ziehen wollen.

Wir werden glücklichere Gesichter auf den Straßen sehen. Keine Heere von Menschen werden sich jeden Morgen mürrisch durch Straßen- und U-Bahnen zu ihrem Arbeitsplatz hinbewegen.

Bald wird das Bedingungslose Grundeinkommen eine Selbstverständlichkeit sein, die niemand mehr in Frage stellt, eine soziale Errungenschaft, ähnlich wie heute das Recht auf Streik und Arbeitskampf. Allerdings werden die heute gebräuchlichen  Formen des Arbeitskampfes bald überaltet sein und wie Dinosaurier aussterben.

Neue Gemeinschaften werden entstehen, sowohl über das Internet als auch im konventionellen Sozialwesen.

Neue Formen von Bezahlung werden entstehen, Tauschbörsen werden florieren, freie kleine Märkte, kurzfristig und unbürokratisch einberufene Märkte, ähnlich den Flohmärkten, nicht nur an öffentlichen Plätzen, sondern auch im Internet, werden enorm zunehmen.

Was heute noch zu wenig gewürdigt wird, wie beispielsweise die Arbeit von Erzieherinnen und Lehrern, und auch viele andere Dienstleistungen, wird eine neue Blüte erfahren und besser entlohnt werden. Auch die Arbeit von Müttern und Hausfrauen wird eine neue Würdigung erhalten, was sich allmählich auch in Geldlohn manifestieren wird.

Man wird Freude haben, für andere Menschen Dinge zu tun, weil man dadurch nicht eigenen Schaden erleiden muss, das heißt,  dass „wichtige Arbeitszeit“ verloren ginge. Bis jetzt unterschieden wir noch zwischen „sinnvoller Arbeit“, weil sie uns Geld bringt, und „vergeudeter Arbeitszeit“, weil sie uns kein Geld einbringt.

Wie erziele ich ein Einkommen?

Die irrige Vorstellung, dass  der Wert von Arbeit am erzielten Einkommen ablesbar ist  oder moralisch bewertet werden kann,  wird fallen. Es wird eine Trennung geben: Eine Leistung erbringen und ein Einkommen erzielen, sind zwei verschiedene Dinge. Mit der Zeit allerdings wird sich diese Trennung wieder aufheben, denn wir werden alle Leistungen entlohnen, so die Betreffenden das wollen.

Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt werden sich ausgleichen. Ein Mensch, der eine Arbeit sucht, wird sich umsehen, was denn gefragt ist, und jemand, der eine Arbeitsleistung anbietet, wird sich umsehen, wo seine Leistung denn gefragt ist. Da der Arbeitsmarkt lebendiger wird, muss es nicht mehr so lange Wartezeiten geben.

Die große Frage ist: Wie erziele ich ein Einkommen mit dem, was ich gern tue? Und die jeweils neu erstehende Frage wird da sein:  Verschenke ich meine Liebestaten, mein Produkt, meine Dienstleistung,  oder verkaufe ich sie?

Ein Einkommen wird durch Verhandlung erzielt. Der Anbietende verhandelt mit dem potenziellen Konsumenten der Leistung oder der Ware um den Preis. Gewerkschaften und Betriebsräte tun dies auch heute schon durch Verhandlungen mit den Arbeitgebern bzw. Arbeitgeberverbänden, auf kollektive Art und Weise. Bald wird dies immer mehr individuelle Praxis werden. Die Frage, wie hoch ein Einkommen oder ein Preis werden soll, ist äußerst variabel. Hier wird größte Achtsamkeit aufgebracht werden müssen.

Einige Beispiele aus anderen Kulturen

Und wie erziele ich einen Preis oder ein Einkommen für meine Arbeit oder meine bloße Existenz? Denn ich kann mich auch auf die Straße setzen und durch meine gütige Ausstrahlung, mein Lächeln eine Menge Leute anziehen, die mir sogar Geld zuwenden, sei es, dass sie es mir ins Körbchen werfen oder per Bank überweisen. Heilige und Philosophen haben das auch in der Vergangenheit schon immer praktiziert. Die buddhistischen Mönche, die einmal am Tag ihr Kloster verlassen und mit ihrer leeren Essensschale durch die Straßen gehen und mit voller Essensschalen wieder in ihr Kloster zurückkehren, sind in Thailand, Sri Lanka und anderen südostasiatischen Ländern ein gewohnter Anblick. Sie werden von den Menschen, die sie für ihre beschauliche, meditative Lebensweise verehren, gut und sicher ernährt. In jedem Sikh-Tempel in Indien gibt es den Brauch, dass ein Pilger – und der Pilgerstatus wird nicht überprüft – zweimal am Tag eine warme Mahlzeit erhält, allerdings nur für zwei Tage hintereinander. Man bräuchte so, indem man von Tempel zu Tempel reist, immerhin nicht verhungern.

Gratisküchen wird es bald auch bei uns in größerem Umfang geben. Es wird keine Schande mehr sein, da hin zu gehen. Ein verantwortliches Abwägen, ob es wirklich notwendig ist, wird das Gewissen schärfen und stärken.

Wir sehen an den vielen Konsequenzen, die der Einsatz für ein Bedingungsloses Grundeinkommen mit sich bringt, welche Veränderungen in der Gesellschaft vorgehen werden und was dies auch für den Einzelnen bedeutet. Eine Arbeit, die der Einzelne mit Sicherheit zu leisten haben wird, ist die Arbeit an den inneren Dämonen des Neides, des Misstrauens, der egozentrischen Sorge um das nur eigene Überleben. Wir werden gemeinschaftlich denken und fühlen müssen, oder wir werden gemeinschaftlich untergehen.

 

Franz Lang

 

Mein Dank: Prof. Dr. Götz Werner, Unternehmer, Begründer der dm-Drogeriemärkte, hat durch seine Schriften und Vorträge zum Bedingungslosen Grundeinkommen einen starken Impuls in mir geweckt, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

 

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