Die tantrische Mystik

TNL tantrischespaar

 

Die Übungen, die wir praktizieren, wenn uns die Idee des Tantra erfasst hat, sind nur die Vorbereitung auf Tantra. Sie sollen uns stark machen. Wir können die verborgenen sexuellen Schöpferkräfte, die Samenkraft, die Ovarkraft machtvoll nutzen lernen, den heilsamen Umgang mit ihnen üben; wir können erfahren, was Verzicht und Zölibat bedeutet; wir dürfen im immer tieferen Eintauchen in den Zauber der persönlichen Liebe zwischen einem Mann und einer Frau, im Liebe-Leben, für eine lange Zeit Lust und Entzücken erfahren, dürfen die Versuchungen der Eifersucht und des Besitzen-Wollens kennen lernen, die Verstrickungen des Sex und der menschlichen Liebe mit Macht, Kampf, Angst, Begehren, Eifersucht, Verzweiflung, Todessehnsucht und allen untergeordneten Emotionen erkennen. Das ist der Vorbereitungsweg. Wohin geht aber die Reise? Zu welchem Ort?

Ohne zu reisen, ohne sich in Bewegung zu setzen, gibt es kein Ziel. Wir können nicht untätig warten, bis das Ziel auf uns zukommt. Genau so gibt es kein Reisen ohne Ziel. Sind nicht Weg und Ziel einer Natur? Ist nicht das Reisen schon ein Ankommen, ein fortwährendes?

Der Ursprung und die Vollendung von Tantra ist die noch ungeteilte Natur von Männlichem und Weiblichem. Von diesem „Ort“ aus strömt die Kraft, die die tantrische Vision durch alle Entwicklungsstadien und Kulturepochen der Menschheit nährt. Als in der menschlichen Evolution das Bewusstsein des Einsseins von Mann und Frau zu verschwinden begann, richteten die Eingeweihten Rituale und Vorkehrungen ein, um die Erinnerung und Wiedererrichtung der Einheit von Mann und Frau zu gewährleisten. Das Wesen von Tantra ist daher mystischer Natur. Es ist auch heute noch, trotz aller Ferne von dem einstigen Zustand des Vereinigtseins, ein spiritueller Einweihungsweg. Niemals kann die Idee von Tantra von ihrem Ursprung getrennt werden.

So wichtig wie die Befreiung der Sexualität aus den Klauen selbstsüchtiger, emotionaler Tyrannei und gesellschaftlicher Dekadenz heute ist, so wichtig ist auch die damit verbundene Selbsterkenntnis. Sich selbst zu erkennen ist ein mystischer Weg. Das Fahrzeug dieses Weges ist anders als bei bloß selbstbezogenen Erleuchtungswegen die Liebe. In der tantrischen Liebe geht der Mann eine bewusste Hinwendung zur Frau ein. Er tritt klar und absichtsvoll aus seiner Unabhängigkeit zurück und sucht die Verbindung mit der Frau und macht sie damit auch zur unabdingbaren Begleiterin seiner spirituellen Erleuchtung. Nur indem er die Frau mitnimmt, kann er weitergehen. Alles hängt davon ab, wie beide miteinander gedeihen. Die Frau tut ihresgleichen und nimmt den Mann in ihre Liebe hinein und trägt ihn mit. Die Annahme des scheinbar so Fremden, Unverständlichen und Gegensätzlichen wird zur Bedingung des eigenen Weges.

Wenn eine Frau und ein Mann diesen gemeinsamen Weg beschreiten, fallen einige Vorstellungen von ihnen ab, wie Liebe sein müsste oder was Männlich und was Weiblich bedeutet. Vieles davon mag schwer hinzunehmen sein und Widerstände gegen das Dahinschwinden lieb gewonnener Denkgewohnheiten und Gefühlserlebnisse sind mitunter zähe und schwere Begleiter des begonnenen Weges. Nichtsdestoweniger gibt es kein Zurück, kein Umsonst, keine Wirkungslosigkeit und keinen Rückschritt. Der einzige Rückschritt, den es gibt, ist Stillstand.

Der Mann verliert vorübergehend seinen Glauben an seine Männlichkeit. Er mag schwere Zweifel durchgehen und Verlustängste, ein Gefühl von Freiheitsberaubung und Souveränitätsverlust. Er wird alles, was er bisher an Männlichkeit angesammelt und gewonnen hat, der Frau vor die Füße legen. Nichts wird er behaupten können. Alles wird von ihr geprüft werden. Seine Männlichkeit ist von ihrem Diktum und ihrer Liebe vollständig abhängig. Er liefert sich aus, er vertraut sich an. Nun hat er einen weiblichen und keinen männlichen Meister. Er wird sich sehr allein fühlen in der Welt des Weibes.

Er stirbt in die Blume, die er betrachtet und liebt, hinein. Sie ist die Einzige, denn sie ist die Stellvertreterin aller Frauen, der weiblichen Gottheit. Er stirbt in die einzige Frau hinein. Er weiß nicht, ob er wieder aus ihr erwachen wird, aber er tut es. Etwas treibt ihn dazu. Es ist mystisch, unbekannt. Dieses, was möglicherweise nur ein Durchgang ist, ist das Sterben seiner Männlichkeit.

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Ähnlich wird die Frau ihre Gefühlsherrschaft über die Liebe, ihren Machtanspruch, aufgeben. Vor allem ihre romantischen Vorstellungen von Liebe werden zertrümmert und neu errichtet werden. Die Welt der Freiheit wird sie erfahren vom Mann. Das, was sie am meisten ängstigt, weil es ihr uraltes Trauma ist, nämlich in voller Freiheit sich vom Ursprung des eigenen Wesens zu entfernen, um später freiwillig wiederzukommen, das lehrt sie der Mann. Er lehrt es sie mit Worten. Noch mehr aber durch Taten, die er ihr durch sein bloßes Dasein auferlegt. Sie wird ihn lieben und verschlingen und ganz mit ihm eins werden, so wie sie es für richtig fühlt. Auf dem Höhepunkt der Liebesvereinigung, dann wenn sie ihn nie mehr hergeben möchte, wird sie ihn loslassen, wird ihn ziehen lassen, frei geben. Nicht verstoßen wird sie ihn, sondern ziehen lassen.

So heilen Mann und Frau ihre tiefsten Traumata. Der Mann wird von seiner Angst befreit, von der Geliebten verschlungen zu werden, und die Frau von ihrer Angst, ihn, den Geliebten, nicht behalten zu können. So lernt der eine seine Freiheit zu opfern und die andere, ihre Freiheit anzunehmen. Die mystische Einheit ist nahe.

Solcherart ist der tantrische Einweihungsweg und noch vieles mehr wird geschehen.

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