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Der Buddha und das Ich

472961_original_R_K_by_Kerstin Nimmerrichter_pixelio.deIch hatte einmal eine Diskussion mit einem ehemaligen buddhistischen Mönch, die mich zu folgenden Betrachtungen führte:

War es der Grundfehler des Buddha, im Ich die Ursache des Leidens zu finden? Oder ist es gar nicht Buddha, der dies sagte? Hat Gautama Buddha je gesagt, das Ich sei ein Mythos, ein Irrtum? In meiner Indienzeit habe ich die buddhistischen Schriften gelesen, vor allem die Texte aus dem Pali-Kanon, und habe eine solche Aussage nicht gefunden. Eher ist mir dies in Erinnerung, dass Buddha sich zu dem Thema nicht festlegen wollte. Es schien ihm für seine Lehre nicht wichtig. „Ewigkeitsansicht“ nannte er es, ein ewiges Ich als gegeben anzunehmen, „Vernichtungsansicht“, kein Ich anzunehmen. Und sogar die Sowohl-als-auch-Haltung und die Weder-noch-Haltung lehnte er ab. Das alles wären Irrlehren. Und man möge sich lieber mit der Lehre des „Bedingten Entstehens“ befassen, die aufzeigt, wie Leiden entsteht. Und man solle Leiden, wo immer es entsteht, von Anfang an erkennen und vermeiden. Ganz praktisch, gar nicht theoretisch. So habe ich die Lehre des Buddha verstanden.

Es sind die Schüler und Nachfolger, die eine Lehre deuten und verdrehen. Auch bei Jesus ist es nicht anders. Besonders im Christentum gibt es jede Menge Theologie und Auslegungen der Bibelworte. So kann ich auch bei Jesus nicht erkennen, dass er seinen eigenen Weg ging, „bis hin zu der Besessenheit von dem Gedanken, dass er durch seinen Märtyrertod sein Volk (oder gar die Menschheit) erlösen müsse.“ Das, mein lieber Freund, sind nachträglich hinein interpretierte Theologien. Die sollte man nicht wiederholen und als Jesu originäre Absichten verkünden.

Nun zu der Gewohnheit des Advaita-Vedanta, alles Üble dieser Welt dem von der Ursprungseinheit abgespaltenen Ich zuzuschreiben. Ich weiß nicht, ob dies überhaupt aus den alten Schriften hervorgeht. Aber diese sehr kopflastige Lehre von der Nicht-Dualität hat sich auch im Westen unter spirituellen Schülern sehr ausgebreitet. Praktisch versagt sie jedoch immer, wenn es um die Phänomene der Liebe geht, um die Anziehung zwischen Mann und Frau, um die Besonderheiten von Mann und Frau, aber auch wenn es um eine vernünftige Entwicklungspsychologie von der Kindheit zum reifen Alter geht. Überhaupt wenn es um Evolution geht.

Ich halte es lieber damit, in meinen inneren, intimen Raum einzutauchen, dort, wo ich mich am meisten „ich selber“ fühle. So kann ich im Frieden sein damit, mein Ich anzunehmen. Und ebenso wird mir immer wieder abverlangt, mein Ich aufzugeben für eine größere Wahrheit. Entstehen und Vergehen, das sind die Merkmale des Ich. Ein rhythmisches Pulsieren, ein kosmisches Geboren-Werden und Sterben. Das physische Herz ist dafür ein gutes Bild. Es saugt ein, es stößt aus. Und immer geht es durch einen Nullpunkt.

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