tuerkischer_halbmond

Die dubiose Rolle der Türkei im geopolitischen Machtpoker

Schwer einzuschätzen ist die gegenwärtige geopolitische Rolle der Türkei.

Heiß umworben von den USA, Mitgliedstaat in der NATO, gelegentlich liebäugelnd mit einer EU-Mitgliedschaft, durch Migration große Bevölkerungsanteile in Mitteleuropa, wirtschaftlicher Aufschwung, laizistische Vergangenheit durch den Staatsgründer Atatürk, eine starke militärische Fraktion, geschichtlich mit dem Osmanischen Reich verbunden, fortschrittlichste Nation turkstämmischer Völker, stark traditionell und religiös gebundenes Hinterland, eine nicht-arabische islamisch-sunnitische Mehrheit, eine nach Selbständigkeit strebende kurdische Minderheit, temporär gute Beziehungen zu Israel, manchmal zu Russland: So steht geographisch und kulturell diese Nation inmitten widerstrebender Interessen und Nationen. Auch die Türkei kann sich ähnlich wie Deutschland als eine Mittelmacht fühlen. Kann sie ihrer Aufgabe gerecht werden?

Beobachtet man die Militärmanöver im Süden des Landes an der Grenze zu Syrien, so deuten sich schwierige Abwägungen an. Staatspräsident Erdogan möchte am liebsten Syriens Präsident Assad stürzen, man weiß nicht warum. Was hat ihm oder den Türken Assad angetan? Handelt Erdogan ähnlich wie Deutschlands Regierung auch meistens auf Geheiß der USA?

Um die durch die Terrororganisation ISIS bedrohte kurdische Bevölkerung im Norden Syriens zu beschützen, wären es nur wenige Schritte über die Grenze. Amerika hat schon längst entgegen jedem Völkerrecht dort einen Krieg begonnen. Aber auch diese Macht ist zögerlich und unternimmt wenig Schritte, um den Kurden zu helfen. Offen ausgesprochen und für jeden Beobachter klar ersichtlich nimmt die USA mit ihren arabischen Verbündeten den Kampf gegen ISIS nur scheinbar auf. In Wahrheit geht es bei den Bombardements um den Sturz von Assad und die Zerstörung des syrischen Staates. Warum wohl? Was hat Syrien Amerika angetan? Nichts, einfach nichts.

Für die Türkei ist die Lage deshalb brenzlig, weil sie die Sezessionsbemühungen der Kurden auf türkischem Gebiet auf jeden Fall unterdrücken möchte, auch mit militärischer Macht, wie wir in der Vergangenheit gesehen haben. So würde eine Unterstützung der Kurden in Syrien auch die Kurden in der Türkei stärken. Außerdem hat die Türkei noch vor kurzem die Grenzen zu Syrien durchlässig gemacht für militärische Bewegungen in Richtung syrischer Oppositionsmilizen, inklusive ISIS. Auch die Türkei hat ähnlich wie die USA die Terrormilizen der ISIS instrumentalisiert, um einen Regimechange in Syrien zu bewirken. Und jetzt sollen sie auf die ISIS schießen? Noch dazu, um Kurden zu retten?

Welche Interessen verfolgt Israel? Liegt es in der langfristigen strategischen Linie des jüdischen Staates, die arabischen Nachbarstaaten zu schwächen und zu teilen, um den Boden für weitere siedlerische Expansionen vorzubereiten?

Die Türkei kann und will sich diesen kriegerischen Umwälzungen nicht entziehen. Folgt sie willig den israelischen, US-amerikanischen und Nato-Interessen? Ist ein Deal damit verbunden, sodass die Türkei langfristig wieder zu einem Neo-Osmanischen Reich werden kann, mit dem „Segen“ der westlichen Welt? Will es Schutzmacht werden für die Sunniten im Mittleren Osten? Wie es gegenwärtig aussieht, wird sich die Türkei nicht beschränken wollen auf eine kleine Regionalmacht. Sie will dort, auf historischem Boden, ihre Mission vollbringen und bleibt deshalb mit den USA, Israel und Europa in gutem Einvernehmen. Vieles deutet darauf hin.

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