Kann sich das Ego selber auflösen?

Eines Tages, früher oder später, fragst du dich: Wer bin ich wirklich?

421637_web_R_by_Gerhard Frassa_pixelio.de

Und wenn du Glück hast, fragst du dich das immer wieder.

Du hast aber spezifischer gefragt: Wie kann sich das Ego selber auflösen? Das konntest du nur fragen, weil du das Ego als lästig und störend empfunden haben musst, oder weil jemand anderer gesagt hat, es sei nicht gut und man müsse es überwinden. Du selber hast ja sicher schon – wie jeder Mensch – deine schmerzhaften Erfahrungen mit dem Ego gemacht. Wenn wir es als schmerzhaft oder unecht empfinden, sagen wir zu unserem eigenen Wesen Ego, und wenn wir es großartig, sinnvoll und tugendhaft erleben, nennen wir es nicht Ego, sondern irgend wie anders. Ich will es hier das Ich nennen.

Sich selbst mit sich selbst zu identifizieren ist eine der größten Taten, die ein Wesen im gesamten Universum vollbringen kann. Der Mensch kann es. Er ist ein Ich.

Würdest du mit mir darin übereinstimmen, dass das, was ein Mensch als sein Ich erkennt, von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein kann? Für den einen ist es sein Wohlstand, für den anderen sein Körper, für den nächsten seine Tugenden und spirituellen Errungenschaften. Einer sieht sich als Angehöriger einer bestimmten Nation, die andere wiederum sieht sich schlichtweg als Frau. Aber all das sind Objekte. Gegenstände, Ideen, das sind Objekte. Wer aber ist das Subjekt? Wer ist das Ich? Denn nur wenn ich das Ich erkennen kann, identifiziere ich mich wirklich mit mir selbst, alles andere sind nur Attribute. Und je stolzer jemand auf seine Attribute ist, umso größer wird sein Selbstwertgefühl. Je erbärmlicher er seine Attribute empfindet, umso geringer ist sein Selbstwertgefühl. Hier, in der Welt der Objekte, mit denen wir uns identifizieren, sind wir im Bereich dessen, was wir das Ego nennen, das falsche, schmerzhafte Ich-Gefühl.

Das Ich hat zwar Attribute, oder „Anhänge“, „attachments“, wie es beim Versenden einer eMail heißt. Aber es selber ist frei von jedem „attachment“, es ist, was es ist. Und der Versuch, sich selbst zu erkennen, endet erst, wenn wir das nackte Ich erleben. Nackt? Ohne Eigenschaften? Ohne Ego?

Sagen wir einmal, jemand ist sehr mutig, wahrhaftig, furchtlos, er übernimmt Verantwortung, ist verlässlich, stark, hat Charakter, hat eine Ausstrahlung, die Vertrauen einflößt und ungemein attraktiv ist. Ist das nackt? Ist das ohne Eigenschaften? Sicher nicht. Ein nacktes Ich kann also trotzdem eine Ausstrahlung haben und Vertrauen wecken? Es ist fähig zu lieben. Dann kann es doch nicht nackt und leer sein. Oder doch?

Betrachten wir einmal ein Vakuum. Es ist durch Leere gekennzeichnet, Leere von Luft. Kaum aber öffnet sich das Vakuum, saugt es mit großer Kraft alles an, was es braucht, um seinen Raum mit Luft zu füllen. Raum entsteht durch Saugen. Ebenso entsteht meine Existenz durch Saugen. Das Ich, das zunächst nur ein Vakuum ist, ein Potenzial, wird durch Kontakt urplötzlich Etwas. Es kommt in die Existenz, nimmt Raum ein und gewinnt dabei jene typischen Eigenschaften, die genau an diesem Ort notwendig sind. So entsteht das Ich aus dem Nichts. Ohne seine Umgebung wäre es nicht. Ohne die Welt des Raumes und der Beziehung innerhalb des Raumes wäre es nicht.

Können wir dann sagen, dass das Ich ein Beziehungswesen ist? Dass es nur in Bezug auf etwas seine Form erhält? Oder vielleicht können wir so sagen: Es schafft sich selbst, indem es sich bezieht. Das wäre doch eine schöne Erklärung für Liebe. Das würde auch erklären, dass nur Menschen, die ihr Ich stark erleben, auch eine starke Liebe erleben können. Du nimmst deinen Raum ein, wenn du liebst. Und dann weichst du zurück, damit das andere Ich seinen Raum einnehmen kann und dich in sich aufsaugen kann. Saugen und Lösen. So wirkt das Ich in der Liebe. Und wenn es nicht liebt, wenn es nichts zu tun hat, dann kann es sich in seinen Vakuumzustand zurückziehen und sich selber auslöschen bis hin zur bloßen Potenzialität, aber nicht Existenz. So löst das Ich sich selber auf. Wenn wir aber im Bild der Liebe bleiben, dann liebt das Ich das gesamte Leben oder Gott, indem es sich selber auslöscht und Vakuum wird. Und wenn es ein anderer Mensch ist oder ein anderes Wesen, welches das Ich anzieht und aufsaugt, dann steht dieses andere Wesen oder dieser andere Mensch stellvertretend für Gott oder die Gesamtheit des Lebens. Das könnte so verstanden werden, wie wenn Gott – oder die Gesamtheit des Lebens – Mensch geworden wäre.

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