Brauchen spirituell lebende Menschen Regeln?

Brauchen wir Regeln, um unsere Spiritualität zu schützen, damit sie nicht unmoralisch wird? Können spirituelle Menschen unmoralisch sein?

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Menschen, die spirituell nur sein wollen, geben sich Regeln. Wer spirituell lebt, hat keine Regeln nötig, um dieses Leben zu schützen oder sich und andere vor Verletzungen zu schützen.

Die Spiritualität, von der ich spreche und die ich lebe, braucht keine ethischen Regeln. Was für ein Wort: Regeln!

Es braucht Übereinkünfte zwischen Menschen, Absprachen, Commitments irgend einer Form. Diese würde ich nicht als Regeln bezeichnen, sondern eine Form respektvollen und verlässlichen Umgangs miteinander.

Ich lebe ein Leben ohne Regeln. Dennoch fahre ich nicht absichtlich mit unbeschränkter Geschwindigkeit in jede Radarfalle, einfach deshalb, weil es zu teuer kommt und weil ich mich dem Zwang dieser Gesetze nicht entziehen kann. Diese Einsicht ist intelligent. Diejenigen, die Strafen verhängen, sind zu mächtig.

Liebe ist Spiritualität. Sie ist eine Reise auf offener See, ohne Karte, voll mit Überraschungen.

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Liebe ist ein regelloses Land. Sie stellt keine Gesetze auf. Die Wahrheit tut das auch nicht. Es gibt keine Wahrheitsgebote. Es gibt zwar das Prinzip von Ursache und Wirkung, es gibt Logik, es gibt Wenn-Dann, aber diese sind weder Wahrheit noch Liebe. Liebe in der Form von Mitgefühl selber schützt vor Verletzung.

Enthält Liebe auch Weisheit? Ist sie intelligent? Hat sie hohes Bewusstsein?

Liebe ist Verständnis. Den anderen Menschen zu verstehen, ist nur möglich, wenn du als ganzer Mensch, nicht bloß als Verstandesmensch, wahrnimmst. Du nimmst mit offenem Herzen wahr. Auch deine anderen Wesensteile, die Chakren, sind offen.

Du kannst das, was ich hier sage, nachfühlen in deinem Leben. Du kannst erkennen, ob es stimmt oder nicht.

Wer sind diese unverständigen Leute, die eine Trennung zwischen Ethik und Spiritualität machen? Nur jemand, dessen Spiritualität vom Verstand gesteuert ist, fürchtet sich vor der anarchischen Kraft der Liebe. Er will die spirituelle Liebe begrenzen, aus Angst vor sich selber. Und diese Angst stülpt er auch den anderen über, indem er ihnen Regeln abverlangt.

Etwas anderes ist ein Commitment. Ein solches bedeutet, dass Menschen eine gemeinsame Absicht formulieren, sich dazu bekennen und ihre Energien zusammenlegen, um gemeinsame Ergebnisse zu erzielen. Diese Commitments sind keine bindenden Schwüre, die bei Vergehen mit Strafe belegt werden können, sondern sie sind freie Vereinbarungen, die auch wieder gelöst werden können. Ebenso sollen sie auch immer erneuert werden, wenn sie Bestand haben sollen.

Wir brauchen Tugenden, keine Regeln und Gesetze. Es gibt keine irgendwie geartete Trennung zwischen Tugend und Liebe, wie es sie gibt zwischen einer halbgegorenen Spiritualität und ethischen Regeln. Tugenden sind integrative Bestandteile der Liebe. Sie werden als Liebe erlebt, sind aus ihrer Substanz gewoben und sie brauchen keine Gebote. Wohl aber Erinnerung. Das bedeutet: ein Verinnerlichen im Bewusstsein. Ein bewusstes Dranbleiben, könnte man auch sagen. Ein inneres Empfinden, wie ich sofort, wenn ich die Liebe vergessen habe, ihrer mich wieder besinnen und nach ihr leben kann, überall und jederzeit. Als Bewusstsein, das der Liebe innewohnt, könnte man diese Erinnerung bezeichnen. Es ist auch nicht das sogenannte Schlechte Gewissen. Es ist eher so, als würde eine gütige Gottheit der Liebe durch Gnade dich wieder zurückholen zu sich. Was auch soviel bedeutet wie: zu dir. Es gibt keine Strafe, kein Verstoßenwerden, kein Schuldgefühl. Es gibt nur Dankbarkeit. Überfließend ist deine Antwort auf solche Güte und Gnade.

Lass mich also nun einige Tugenden, zunächst einmal sechs an der Zahl, aufzählen.

Wertschätzung ist die Art, wie Liebende einander von Anfang an begegnen.

Im Herzensverständnis erkennst du auf feine Weise, was im anderen vorgeht und wer er ist.

Somit enthält die Liebe auch die Tugend der Vergebung. Das heißt, es gibt kein Nachtragen von Verwundungen, die dir jemand angeblich mutwillig zugefügt hat.

Das englische Wort compassion drückt meines Erachtens besser aus als das deutsche Wort Mitgefühl, zu welch leidenschaftlicher Anteilnahme ein Mensch dem anderen gegenüber fähig ist.

Mut und Demut sind Tugenden, die einander entgegengesetzt scheinen und dennoch zusammen gehören. Ohne heldenhaften Herzensmut wäre Liebe etwas bloß weichliches.

Demut hingegen ist eine solche weiche Macht, die in ihrem Kern ungemein stark ist.

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Alles was dich unfrei macht, ist nicht Liebe. Das Problem ist nur, dass du oft nicht weißt, was Freiheit ist. Wenn dich etwas zwickt und drückt, möchtest du dem entkommen und meinst, deine Freiheit wäre sonst beeinträchtigt. Aber die Wahrheit und auch die Liebe drücken manchmal ganz heftig auf deine alten Lebensformen. Sie haben Sprengkraft und sind beileibe nicht immer nur ganz sanft und lieb, wie du wahrscheinlich gut weißt. Du kannst nicht der Liebe den Vorwurf machen, dass du einen Druck empfindest, sondern du erlebst in dir das, was der Liebe Widerstand leistet.

Schrei nicht nach Freiheit, sondern lebe sie. Verlange nicht, dass irgend jemand sie dir gibt. Lass sie zu, nimm sie, ergreif sie, wenn sie vor dir steht. Wie leicht kann man Freiheit mit Flucht verwechseln!

Besonders tantrisch bewegte Menschen, deren sexuelles Leben und Empfinden praktizierte spirituelle Lebensführung ist, stellen sich öfter die Frage, ob man nicht zur Eindämmung der Sexualität Regeln braucht. Es liegt daran, dass Sex immer das unmoralische Thema schlechthin ist. Zumindest ist es eines der größten menschlichen Reizthemen.

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Tantra ist in seiner Essenz die Lehre der Öffnung. Auch das Liebemachen – making love – ist ein schöpferischer Akt, denn als tätiger Akt entspringt er einer solchen Öffnung. Tun und Empfangen (Öffnen) werden eins.

Das Problem beim Sex ist dies, dass er uns in tiefere Schichten unserer Leidenschaft führt als viele andere Betätigungen. Offensichtlich brauchen wir all diese Tugenden, von denen hier die Rede ist, besonders den Mut, in die Tiefe zu tauchen, um die sexuellen Offenbarungen ertragen zu können.

Ist Sex eine spirituelle Offenbarung der Liebe, brauche ich in der Tat keine einzige Regel, um diese Macht zu beschneiden.

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