revolution

10.4.2015, Tagespolitische Betrachtungen,  oder:  Der Weg der Hoffnung, der zur Enttäuschung führt

Es ist unvermeidlich, aber auch gefährlich, Hoffnungen zu haben.

Ich nehme dafür als Beispiel, an Ankündigungen und Vereinbarungen zu glauben, einen Krieg beenden zu wollen. Das Abkommen „Minsk II“ sollte den Bürgerkrieg in der Ukraine beenden. Von allen Seiten wird das untergraben. Die Amerikaner liefern neue Waffen nach Kiew und ernsthaft an Frieden interessiert scheinen die Politikmacher und kriminellen Oligarchen in der Ukraine nicht zu sein. Die Menschen, die dort leben, aber sehr wohl.

Oder die zaghaften und freundlichen Annäherungen der USA und des Iran. Kaum gibt es die erste Gelegenheit, dreschen die Kriegstreiber in ihren Abgeordnetenbüros und Regierungen verbal wieder aufeinander ein. So geschehen im Fall des Jemenkrieges, wo schon wieder mit Drohungen gerasselt wird.

Oder nachdem die Chinesen mit ihrer neuen Weltbank AIIB so viel Zuspruch und Beteiligung von Staaten aus aller Welt bekommen haben, um die Vorherrschaft des künstlichen Zahlungsmittels US-Dollar zumindest einmal in Frage zu stellen, macht sich der Verdacht breit, dass Staaten wie Großbritannien (mit ihrem City-of-London-Finanzdistrikt, der quasi ein eigener Staat ist mit Weltbeherrschungsmotiven) oder Kanada und andere ihren Beitritt nur nutzen wollen, um alles unter Kontrolle zu halten und weiterhin business as usual zu treiben. Also die Zinseszins- und Schuldenökonomie genauso fortzusetzen wie bisher, nur vielleicht mit einer neuen Währungsbezeichnung.

Und jetzt zurück zum Gefühl der Hoffnung. Haben wir denn eine andere Chance, unseren Seelenfrieden zu finden, als zu hoffen, dass es besser wird? Gerechter, wahrhaftiger, schöner – in dieser Welt? Ja nun, es muss einen anderen Weg geben, denn durch schmerzhaft enttäuschte Hoffnungen werden wir nicht stärker, weder psychologisch noch geopolitisch. Hoffnung auf Frieden, Hoffnung auf die Erlösung, Hoffnung auf Einsicht und Güte in der Welt … Die Liste ist lang, in der die Hoffnung zum Versager all dessen geworden ist, worauf sie baute.

Vielleicht sind Gebete das richtige Mittel? Das Senden positiver Energie in Gebiete, die von viel Leid, Krieg und Zerstörung betroffen sind? Oder ist es die Meditation, die den eigenen Geist ruhig und still bekommen möchte, um sich über das Elend nicht mehr aufregen zu müssen? Oder sollen wir einfach nicht dran denken, dann wird schon alles so werden, wie es werden soll. Oder auch nicht. Aber was geht’s uns an! Es ist doch so weit weg vom eigenen Lebensbereich! Es berührt uns nicht wirklich existenziell oder unmittelbar. Seien wir doch nicht scheinheilig und spielen die Betroffenen. Oder?

Eines ist sicher: Die Beunruhigung ist ein ganz wesentliches Element unser Seele, dass wir etwas ändern wollen. Würden wir uns immer nur im Frieden und in der Gleichgültigkeit fühlen, könnten wir unsere Liebe und unser Mitgefühl nicht stärken. Uns würden auch die Ideen fehlen, die Kreativität würde erlahmen, wenn wir nichts ändern wollten. Wenn wir uns in einem faulen Frieden abfinden wollten mit dem, wie es ist.

Es gibt aber tatsächlich den spirituellen Zustand des Annehmens dessen, was ist. Ein Zustand, der eine innere Mitte und eine Gefasstheit herstellt, eine innere Autorität, Ruhe und Stärke. Das scheint nun ein Widerspruch zu sein zum Gesagten. Ist es aber nicht.

Denn dieser wach bewusste, hochenergetische Zustand grenzt kein Unglück aus und „erlöst“ jemanden auch nicht von der Notwendigkeit, sich einzubringen und zu handeln. Er ist vielmehr ein Synonym für Verantwortlichkeit. Ich bin die Welt und die Welt ist Ich. Ich bin Bewegung und Veränderung, ich bin Einschreiten und Befrieden. Ich bin Aufrührung und Revolution. Ich bin Liebe und ich bin Wahrheit. Das ist das Wesen meines Ich. Es macht keinen Sinn, es zu verleugnen. Oder mich nicht zuständig zu fühlen, weil ich dafür ja zu gering sei oder nicht wichtig genug. Es ist die Größe des Ich.

Zurück zur Frage, ob wir beten sollen für den Frieden in der Welt. Oder meditieren. Oder gute Gedanken schicken. Oder uns raushalten aus allem.

Ich beantworte die Frage so: Die Beunruhigung ist der Motor, der erste Antrieb. In der Stille der Meditation finde ich intuitiv die Mittel, die ich für meinen Einsatz und mein Drinnenstehen in der Welt brauche. Das Gebet oder die guten Gedanken und Wünsche sind Ausdruck meines Liebeswillens. Mein Handeln oder mein Nicht-Handeln schließlich sind das Mysterium meines Ich, das sich einer verstandeszentrierten oder rationalen Begründung entzieht. Was immer ich tu oder nicht tu, ist mein innerstes Heiligtum. Niemand kann es betreten, dem ich nicht aus Liebe und tiefer Weisheit den Zutritt gewähre. Und so werde ich auch niemandes Heiligtum betreten, wenn ich nicht aus Liebe eingeladen werde, es zu tun.

Meine politischen oder schriftstellerischen Aktivitäten mögen unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, begutachtet oder verworfen werden. So sei es.

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