Tempelhof4

Es reicht nicht, dass wir Freundschaften schließen über facebook & Co. Es ist zwar auch wichtig, dass wir uns als virtuelle Gesinnungsfreunde erleben und austauschen, aber es ist nicht genug, wenn wir neue Lebensmodelle, Freundschafts- und Liebesmodelle in die Welt setzen wollen.

Es braucht das „saftige Leben“ von uns Menschen, die wir aus „Fleisch und Blut“ bestehen, die wir sinnlichen Kontakt brauchen, körperliche Präsenz, Gespräch, Berührung, gemeinsame Zeit und gemeinsame Aufgaben.

Vor kurzem lud die Lebensgemeinschaft „Schloss Tempelhof“ im Südwesten Deutschlands zu einer mehrstündigen Führung ein. Mehr als 100 Menschen wohnen dort.

Tempelhof6jpg

Meiner Begleiterin Kerstin und mir fiel als erstes beim Betreten des Geländes die uneinheitliche und teils alte Architektur auf, aus der die Bauten der Gemeinschaft bestehen. Das führt darauf zurück, dass die Gründer vor mehr als 5 Jahren den Begriff „Dorf kaufen“ im Internet eingaben und dadurch auf den Tempelhof stießen: Eine ehemalige Internatsschule, von der Diakonie geführt. So war bei der fachkundigen Führung, die wir dann sehr genossen, auch zunächst von den alten „Bausünden“ die Rede, mit denen man sich nun herumschlagen müsse, wobei man aber die vielfältigen Vorteile im Sinne vorhandener technischer Einrichtungen sehr wohl zu schätzen wisse. Sehr interessant fand ich in diesem Zusammenhang , dass die Suche nach einem spirituellen Kraftort, der dieser Gemeinschaft ein Zentrum gibt, sehr wohl auch eine Rolle spielt, wenngleich sie keiner bestimmten Religion oder spirituellen Richtung verpflichtet sein will.

Tempelhof14Es gibt kleinere Projekte innerhalb der Gemeinschaft, z.B. ein Wagendorf aus 5-6 Wohnwägen, die kreisförmig angeordnet eine besondere Zusammengehörigkeit vermitteln; es gibt Familien, Singles, Männer- und Frauen-WGs, eine freie Schule, Garten und Landwirtschaft (mit einer Ziegenherde und – für mich sehr faszinierend – Wollschweinen). Dadurch kann sich der Tempelhof selbst versorgen.

Tempelhof5Eins vom Entscheidendsten an dieser Gemeinschaft aber scheint mir die soziale Kultur zu sein, die Gesprächskultur, und der Weg, wie man zu gemeinschaftlichen Entscheidungen kommt. Es wird methodisch ein sechsstufiger Weg zur Entscheidungsfindung durch Konsens gelebt und regelmäßig erarbeitet. Das heißt für das Dorfplenum, dass niemand übergangen wird, jeder wird gehört, es wird nichts Unnötiges geplappert … Jedes Gemeinschaftsmitglied übernimmt für irgend etwas Verantwortung; neben dem eigenen Lebensunterhalt verpflichtet man sich, fünf Arbeitsstunden pro Woche für die Gemeinschaft zu leisten; und so gäbe es noch vieles mehr zu erzählen.

Tempelhof12

Uns hat der Besuch sehr angeregt und beeindruckt. Es ist ja eine relativ neue Gemeinschaft, und sie wächst auch noch inhaltlich weiter. Auf die Frage eines Besuchers nach den gelebten Liebes- und Sexualbeziehungen am Tempelhof, gestand eines der Gründungsmitglieder durchaus auf sehr sympathische Weise, dass man auf diesem Feld noch wenig geforscht hätte, aber was nicht sei, könne ja noch kommen ….

Anke Engelke hat einen schönen Film über ihre Besuche am Tempelhof gedreht. Man findet ihn auf www.schloss-tempelhof.de.

Tempelhof3

Gern zum Schluss noch einige Zitate von dieser Webseite:

Eine Art von All-Leadership

Wir versuchen die Fähigkeiten anderer und unsere eigenen anzuerkennen und mitzutragen. Wir verbinden uns mit unseren Mitmenschen, ohne zu vergleichen und ohne zu bewerten, in einem natürlichen Gefüge – das beweglich und lebendig sein darf. Jeder Ausdruck hat Bedeutung und trägt uns bereits alle mit. In diesem Bewusstsein wandelt sich Mangeldenken und Bedürftigkeit in Fülle.

Schloss Tempelhof

Beziehungs- und Kommunikationskultur

Wir entscheiden uns, wirklich in Beziehung zu gehen. Wir kommunizieren offen und aus dem Herzen heraus. Wichtig sind uns achtsamer Umgang, Wahrhaftigkeit, Gewaltlosigkeit und Verbindlichkeit. Uns ist bewusst, dass Worte und die Art ihres Ausdruckes Formen schaffen. Wir haben daher eine sechsstufige Konsenskultur für Entscheidungen gewählt, hören lieber zu, als auszuschließen und versuchen Inhalt auch stehen zu lassen, ohne ihn zu verändern.

Advertisements