demokratie

Demokratie

So wie wir Demokratie heute leben, ist sie nichts anderes als eine Form der Diktatur. Diese absurde Gleichsetzung von Mehrheit und Wahrheit ist ein gewaltiges Übel. Warum sollen 51% eines Staatsgebildes über 49% herrschen dürfen? Wahlen, in denen es nur um Stimmenauszählung geht, offenbaren sich als eines der dümmsten und geistlosesten Produkte menschlichen Politikverständnisses.

Parteien, die ideologisierte Menschengruppen repräsentieren sollen, bestimmen über die Geschicke eines Landes. Der Wähler gibt seine Stimme einem Repräsentanten ab, den er nicht einmal kennt. Jegliche persönliche Verantwortung wird durch eine Wahl, wie sie heute durchgeführt wird, ad absurdum geführt. So dass man wirklich mit Recht sagen kann: Verantwortung kann ich nur zeigen, wenn ich nicht wählen gehe. Jedenfalls nicht in diesem Modus, wie er heute üblich ist. Alle vier Jahre eine Partei wählen!? Sonderbar, sonderbar.

Und warum sollte die Mehrheit Recht haben? Was ist das für eine komplette Kapitulation vor der Intelligenz eines jeden einzelnen Menschen! Eine riesige Propagandamaschinerie wird in Gang gesetzt, wenn Wahlen vor der Tür stehen. „Wie können wir den `Wähler`so manipulieren, dass er seine Hoffnung auf Veränderung oder Beständigkeit uns in die Hände legt?“ Dass Wahlversprechen nicht eingehalten werden, weiß inzwischen jeder. Trotzdem gehen wir immer noch wählen.

Ein Grund für das fundamentale Misslingen der Demokratie ist die quantitative Gleichsetzung aller Stimmen. Individuelle Reifeunterschiede werden negiert, Qualität wird nivelliert, jegliches gemeinsames Reifen durch Gesprächskultur wird in die Massenmedien (was für ein demaskierendes Wort!) verlagert. Das Fernsehen ist zum Inbegriff von Massenmanipulation geworden.

Parlament setzt sich aus den lateinisch/italienischen Wörtern „parlare“, sprechen, und „mens“, Geist, zusammen. Wir brauchen freie Parlamente, nicht nur solche, in denen unsere „Abgeordneten“ mannigfaltigen industriellen Lobbyeinflüssen und globalpolitischen Zielmaßgaben erpresserisch ausgesetzt sind. In wirklichen Parlamenten können Unerfahrene von Erfahrenen lernen. Da werden Erfahrungen von Gesprächskultur gemacht, da wird so lange um Lösungen gerungen, bis alle das gemeinsame Wohl zum Ziel haben. Da ist sogar der Begriff Liebe kein lächerlich gemachtes Disqualifikationsmerkmal (man will ja „sachlich“ sein), sondern gelebte Wirklichkeit. Das also wäre ein wirkliches Parlament.

Volksentscheid oder Volksabstimmung sind ungeeignete Begriffe. Das Wort Volk muss heraus. Der Einzelne stimmt ab, redet mit, will gehört werden, nicht die Masse. Zur „Masse“ ist „Volk“ heruntergekommen. Wenn wir das Wort Demokratie überhaupt noch gebrauchen wollen, dann nur in dem Sinn einer Basisdemokratie, im Sinn von durchschaubaren Entscheidungsvorgängen, im Sinne von wirklicher sozialer Abstimmung und „Mitbestimmung“. Aber auch Mitbestimmung ist zu einer Phrase verkommen. Dieser Begriff muss nur als Argument für „Auszählung“ herhalten: „Ich habe ja mitbestimmt, indem ich mich dafür oder dagegen geäußert habe, indem ich meine breite Wahrnehmung eines Vorgangs, der auf eine Entscheidung zulaufen sollte, auf ein `Bist du dafür?` oder `Bist du dagegen?`reduzieren habe lassen.“

Mitreden, mitgehört werden? Weit gefehlt. Wir bringen uns nicht mehr wirklich ein, weil wir jeden Glauben verloren haben, dass dieses System uns noch dienen könnte. Es herrscht über uns, es dient uns nicht mehr.

Es bleibt uns nicht anderes übrig: Wir müssen nach neuen Formen des politischen Handelns suchen. Wir suchen nach dem, was nach der Demokratie kommt.

Hören wir uns zu. Investigieren wir gemeinsam. Bilden wir interessierte Gruppen. Tauschen wir uns aus. Kommen wir zu Beschlüssen, die keine billigen Kompromisse mehr sind, sondern etwas, hinter dem jeder Einzelne verantwortlich stehen kann. Schließlich war so etwas auch einmal die Vision der Demokratie. Nun ist sie dekadent geworden, sie verfällt gerade. Wir sind wieder gefragt.

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