… Was ist deutsch?
 „Das ist typisch deutsch. Sich das zu fragen.“   Veronica Ferres

Ich setze meine Betrachtungen fort zum Thema „Volksseele“.

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Da las ich kürzlich in der Zeitschrift der Deutschen Bahn, die in allen ICE-Zügen ausliegt, ein Interview mit Thomas Gottschalk, der in Kalifornien lebt, und Rüdiger Grube, dem Chef der Deutschen Bahn. Sie wurden gefragt, was sie als typisch deutsch ansehen.

Thomas Gottschalk spricht am 11.05.2015 in Kulmbach (Bayern) mit Journalisten. Gottschalk hielt in seiner Heimatstadt die letzte Lesung aus seiner Biografie «Herbstblond». Foto: Nicolas Armer/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Deutsch sei wie „helles, frisches Bier“, sagte Thomas Gottschalk; auch attestierte er seinem Volk eine „gewisse Skepsis seinen Mitmenschen gegenüber, eine vorsichtige Distanz“. (Übrigens hat er damit  – für mich als einen Enneagrammkenner – den Enneagrammtyp Sechs kurz und knapp beschrieben.)

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Zu diesem Typ gehört auch das, was Rüdiger Grube dann ausführt: „Pünktlichkeit, systematisches Arbeiten, Fleiß, Disziplin …. protestantischer Ernst“. Grube kommt aus Norddeutschland, während Gottschalk eher etwas Katholisch-Süddeutsches an sich trägt.

„Was ist deutsch?“ wurden zwei bekannte Schauspielerinnen von der Bildzeitung gefragt. Als Location für dieses Interview wählten sie den Wald. Hier sind die Antworten von Veronica Ferres und Maria Furtwängler:
Der Wald sei ein typisch deutscher Ort, wir Deutsche seien Waldmenschen, meint Veronica Ferres.  „Bis vor ein paar Hundert Jahren war doch überall dort, wo jetzt Autobahn und Beton sind, Wald, Wald, Wald.“
„Dann bin ich mega-deutsch“, sagt Maria Furtwängler, „ich bin am Wald aufgewachsen. Als ich klein war, war ich überzeugt, dass in den verrottenden Wurzeln umgestürzter Bäume Feen und Zauberer wohnen. Für mich ist der Wald bis heute der größte Sehnsuchtsort überhaupt. Und ein Ort der Geborgenheit und des Schutzes.“
In der französischen Version vom Rotkäppchen ist es ein starkes Mädchen, das den Wolf mit eigener List besiegt, in der deutschen Fassung befreit es der Jäger.
„Bei uns“, sagt Veronica, „haben die Frauen eben artig zu sein, bei den Franzosen sind sie rebellisch und stark, wie Johanna von Orléans.“
Entwurzelung ist Maria Furtwänglers Thema. Im Filmepos „Die Flucht“ hatte sie dem Leid der Deutschen bei den Vertreibungen nach dem Krieg Ausdruck verliehen.
Dinge unter den Tisch zu kehren – selbst erlittene Verletzungen zum Beispiel – sei schließlich auch eine deutsche Eigenart.

Schauspielerin Maria Furtwängler verlässt am 05.12.2013 das Landgericht in Hannover (Niedersachsen), nachdem sie im Prozess gegen Ex-Bundespräsident Wulff als Zeugin ausgesagt hat. Der ehemalige Bundespräsident Wulff muss sich wegen Vorteilsannahme verantworten. Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
„Die Flucht vor mörderischen Regimes und der Verlust von Heimat stellen ein großes Trauma dar“, sagt Maria Furtwängler, „es ist wichtig, dass wir uns gerade jetzt, da so viele Menschen auf der Flucht sind wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr, an unsere eigene Geschichte erinnern.“
„Das ist auch sehr deutsch. Sich seiner Vergangenheit stellen, Verantwortung übernehmen. Die Hilfsbereitschaft in unserem Land ist sehr vielsagend.“
Veronica Ferres: „Im Ausland schaut man derzeit etwas erstaunt, wie hilfsbereit wir Deutschen sind.“
Dann werden die beiden Frauen noch gefragt: Warum fürchten wir Deutschen eigentlich den Wolf und lieben den Hund?
„Der Wolf steht für unsere triebhafte, dunkle Seite. Die fasziniert uns“, antwortet Maria Furtwängler, „gerade weil wir Deutschen so diszipliniert sind. Deswegen lieben wir ja auch Krimis so. Da können wir unsere unterdrückte, triebhafte Seite aus sicherem Abstand betrachten … Wir lieben eben das Gebändigte, das Gehegte, das Verlässliche“, sagt Maria Furtwängler, „und doch hegen wir eine ungeheure Sehnsucht nach dem Ungezähmten.“
Und die letzte, unvermeidliche Frage lautet dann: Was ist deutsch? „Das ist typisch deutsch. Sich das zu fragen“, sagt Veronica.
Und was bedeutet Deutschsein für Maria Furtwängler?
„Ich glaube, wir Deutschen sind noch mehr Bayern oder Sachsen oder Berliner … noch bevor wir uns als Deutsche fühlen.“

Fortsetzung folgt …

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