Was für einen Sinn oder Nutzen könnte es haben, ein bestimmtes Sternbild am nächtlichen Himmel zu betrachten? Nehmen wir an, ich sehe das „Haar der Berenike“.
Ich könnte mich wie ein Kind freuen, dass ich das in einem Buch oder von einem Freund gezeigte Sternbild tatsächlich selber am Sternenhimmel gefunden habe. Ich habe etwas nachvollzogen, auf das mich jemand Anderer aufmerksam gemacht hatte.  Die Freude solch eines Findens kann groß sein.


Ich kann mich ebenfalls darüber freuen, in den undurchdringlichen Dschungel der Sterne etwas mehr Struktur und Ordnung gebracht zu haben. Es gibt offensichtlich dieses Bedürfnis unter uns Menschen. Es ist ja nicht so, dass die Sternbilder, die aus unserer geozentrischen Sicht eine mehr oder weniger geschlossene Form abgeben, tatsächlich im Weltraum zusammen gehören. Die entsprechenden Sterne sind sich meistens überhaupt räumlich nicht nahe und haben keine besondere Beziehung zueinander. Außer die, die wir Erdenmenschen ihnen geben. Aus 3D machen wir ja 2D.
Und dann kann mir Freude bereiten, durch das Wiedererkennen eines Sternbildes überhaupt meinen Blick und meinen Geist in den Sternenhimmel gerichtet zu haben. Die geistige Öffnung, die durch das Erleben des unendlichen Sternenhimmels in mir geschieht, macht mich glücklich.
So bemerke ich bald, dass der erste Sinn darin zu finden ist, ein bestimmtes Sternbild am Himmel zu betrachten, das mir Freude, Öffnung, Staunen und eine Weite des Bewusstseins beschert. Der Nutzen ist also geistig, spirituell. Obwohl ich noch keine spezielle Erkenntnis gewonnen habe, bereitet mir das Erleben der Sterne im Raum und der gleichzeitige Blick in die Unendlichkeit und Leere des Raumes großes Vergnügen. Mein Dasein auf der Erde erhält eine gewisse Relativierung. Irdische Probleme mögen verschwinden oder banal und klein wirken.

 
Ich habe nun beispielsweise das „Haar der Berenike“ entdeckt. Was sagt mir speziell dieses Bild, wenn ich es vergleiche mit irgend einem anderen Sternbild? Wenn ich es orte in der Nachbarschaft der Jungfrau, des Löwen oder anderer, wesentlich auffälligerer Sternbilder? Was sagt mir dieses Bild? Was sagt mir diese Himmelsumgebung? Was sagt mir die Form, die Größe, die Leuchtkraft, was sagen mir die nebeligen Strukturen, die ich mit freiem Auge sehen kann, und die drei größeren Sterne, welche zusammen das „Haar der Berenike“ ausmachen?

 
Ich merke, dass ich selber zum Deuter werden muss. Wenn ich schaue und empfinde, entstehen gefühlte Bilder in mir, die offensichtlich mit meiner eigenen Psyche korrespondieren. Zwar kann ich die mythologischen Geschichten studieren, die zu dem Namen „Haar der Berenike“ geführt haben, aber das sind nicht meine unmittelbaren Bilder. Die Mythologie ist selber eine Bildergeschichte, die auch wiederum meine eigene Deutung herausfordert. So kann ich zur Betrachtung des geschlossenen, recht unauffälligen Sternbildes des „Haares“ erst einmal meine eigenen Kreationen entstehen lassen und sie später dann mit der griechischen Mythologie in Verbindung bringen, wenn ich das will. Oder ich beginne mit der überlieferten Mythologie und tauche, ohne überhaupt erst einmal die Konstellation unbefangen  auf mich wirken zu lassen, in diese Geschichte ein. Auch das ist natürlich eine Option.

 
Entscheide ich mich aber für den ersten Weg, nämlich die unbefangene Betrachtung des bestimmten, begrenzten Sternbildes, dann muss ich ganz ruhig und still werden, um überhaupt Inspirationen und Bilder zu empfangen. Und ich muss mich konzentrieren auf dieses Bild, muss meinen Fokus darauf richten. Selbstverständlich kann ich auch weiterwandern und das „Haar der Berenike“ nur beiläufig, dafür aber immer wieder, vorbeiziehen lassen. Ich werde Eindrücke bekommen, Bilder, Gefühle, so oder so.
Ist das alles sinnlos, zufällig, beliebig? Sollte ich beim reinen Registrieren des materiellen Sinnesbildes bleiben? Oder sollte ich mich nur auf die „objektive“ Astronomie mit ihrer Mathematik verlassen und mich somit  an den Verstandesdaten allein (Lichtjahre, Lichtstärke in Zahlen usw.) erquicken? Ist die Deutung als unwissenschaftlicher, esoterischer Unfug abzufertigen? Oder kommt gerade durch die „subjektive“ oder „kollektive“ Astrologie erst erfüllende und ganzheitliche Sinnhaftigkeit in das Sinnesbild? Es ist meine Entscheidung, es ist deine Entscheidung, welchen Weg wir gehen wollen oder ob wir uns überhaupt für die Sterne und ihr Inneres, Seelisches, Geistiges, interessieren.

 
Willkürlich haben Menschen Grenzen in die 2D-Projektion des Firmaments gezogen, haben eine bestimmte Menge von Lichtpunkten zusammengefasst in ein Sternbild und haben es von anderen abgegrenzt. Was soll das? Was soll der Sinn davon sein? Das ist wirklich willkürlich. Wir können es offensichtlich nicht lassen, räumliche oder flächige Ordnung zu schaffen in einem Ganzen. Wir müssen strukturieren. Wir brauchen es, um uns als Individuum und Gruppenwesen zurecht zu finden. Das ist die Wahrheit. Würden wir nicht geometrische Bilder konstruieren, dann würden wir musikalische oder andere gefühlsmäßige Differenzierungen finden und machen. Formen, Gestalten, Gruppieren und Individualisieren gehört unvermeidlich zum menschlichen Bedürfnis und Wesen.

 
Geozentrisch und anthropozentrisch sind wir ausgerichtet. Das ist der Kern unseres Wesens. Würden wir als Orion, als Antares oder als Sonnengott empfinden, wären wir tatsächlich nicht mehr geozentrisch und auch nicht anthropozentrisch, wir wären kosmisch. So seltsam es nun klingen mag: Es führt uns tatsächlich unsere geo- und anthropozentrische Betrachtungsweise zu einer kosmischen Sicht auf „die Existenz“. Wenn wir uns mit einem Stern oder einem Sonnensystem visuell-meditativ oder rein geistig verbinden, tauschen wir Sichtweisen aus. Wir werden sozusagen zu Sirius, Aldebaran oder was immer es gerade ist, auch zum Haar der Berenike. Das ist der meditative Weg. Ist das nicht vermessen und völlig abgedreht? Wie können wir jemals empfinden wie ein Stern oder gar eine Galaxie, also ein eigener Weltallbezirk? Spinnen wir denn vollkommen? Ja, meistens schon. Jedoch …

 
Es ist ein Anfang. Wir lernen allmählich, eine andere Position einzunehmen, nicht nur räumlich, auch gefühlsmäßig und schließfjglich auch gedanklich. Wir beginnen zu denken und zu fühlen und zu „schauen“ wie der Stern. All die modernen Geschichten über UFOs, Aliens, Weltraumfahrten und andere Science Fiction würden nicht existieren, wenn wir nicht schon längst den Anfang gemacht hätten. Auch die mythologischen Geschichten unserer Vorfahren aus Griechenland, Ägypten, Indien oder Südamerika erzählen von dieser inneren Weltraumfahrt. Die Menschen dieser Kulturen haben einfach den Standpunkt gewechselt, von Irdisch zu Kosmisch und wieder zurück zu Irdisch.

 
Zurück zum Bild vom „Haar der Berenike“. Dieser aus unserer Sicht kleine Sternenbezirk hat eine Botschaft für uns. Er möchte mit uns kommunizieren und braucht somit unsere Bereitschaft dazu. Deutungen, so psychisch und persönlich sie sein mögen, sind der erste und beste Weg, den bewussten Verbindungsfaden herzustellen. Stille ist das Medium, durch welches sich die Botschaften, Bilder und deren Deutungen offenbaren können. Ist es nun eine bloß persönliche Mitteilung an mich, oder betrifft es ein Kollektiv, oder sogar die Menschheit als Ganzes, wenn ich mit dem „Haar der Berenike“ kommuniziere? Du wirst es wissen, ob es dies oder jenes ist.

 
Du kannst dich zwar auch täuschen, aber das ist mit allen Angelegenheiten der Menschen so, dass sie auch der Täuschung unterliegen. Das ist mehr oder weniger genau so mit den Sternenbotschaften wie mit den angeblich so bewiesenen „Tatsachen“ der Naturwissenschaft oder gar der Medizin. Je mehr jemand eine wissenschaftliche Tatsache behauptet, umso mehr kommt man darauf, dass es „nur“ ein gewisser Standpunkt ist, eine gewisse Sichtweise. Nehmen wir den gesamten dogmatischen Unsinn der praktischen Virologie. Virologie ist nur eine Sichtweise. Heute erkennen wir allmählich und schmerzhaft, wie beschränkt und gefährlich diese Sichtweise sein kann. Sie ist nicht an sich falsch, nur in ihrer Totalität und Enge völlig unakzeptabel als Wahrheit für den Menschen. Auch manche Aussagen der Astrophysik mögen kompletter Unsinn sein. Die Wahrheit darüber finde ich in mir, meditativ.

 
mel111

Hier ist nun ein schematisches Abbild der Lage und Lichtgröße jener Sterne, die das „Haar der  Berenike“ konstituieren. Die geraden gelben Linien verbinden die drei Hauptsterne, während der gelbe Kreis „Mel 111“ einen sichtbarer, auffälliger Sternenhaufen darstellt.

 

 

berenikeskeskarte

Und dies ist eine Umgebungskarte vom Sternbild „Coma Berenices“, dem „Haar der Berenike“. Südlich, unterhalb, das Sternbild „Virgo“ („Jungfrau“), rechts „Leo“, der „Löwe“, mit „Denebola“, dem Stern am Schwanzende des vorgestellten Löwen. „Arcturus“ zur Linken ist der Hauptstern von „Bootes“ (dem „Rinderhirten“ oder „Bärenjäger“). „Alkaid“ gehört zum „Großen Bären“, der seine Ausläufer als „Ursa Major“ bis oberhalb des „Leo“ schickt. Rechts von „Ursa Major“, dem „Großen Bären“, und  oberhalb des „Löwen“ sieht man eine Linie, die zwei schwächere Sterne verbindet, die zum „Kleinen Löwen“ gehören. Oberhalb von „Coma Berenices“ ist noch ein weiteres kleines Sternzeichen zu sehen mit „Cor Caroli“, dem Hauptstern der „Jagdhunde“. Am Beginn des 20. Jahrhunderts hatte eine „Astronomische Gesellschaft“ wissenschaftlich verbindlich die Sternzeichen voneinander abgegrenzt, hier auf der Karte sind die Grenzen durch die gestrichelten Linien dargestellt.

 

Es mag nun interessant werden, wie denn die historisch-mythologische Gestalt der Berenike mit ihren wunderbaren langen Haaren gemalt sich vorgestellt wird. Sie ist eine Königin, die um das Leben ihres Mannes bangt und der Göttin der Liebe verspricht, ihre Haarpracht zu opfern, wenn ihr Mann wieder heil aus dem Krieg zurückkehrt. Damit der heimkehrende König  getröstet wird, versetzt Aphrodite, die Göttin der Liebe, Berenikes Haarpracht als Sternbild an den Himmel. Dort kann der liebende König sie nun für immer betrachten.

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Haben wir damit schon den Kontakt zum „Haar der Berenike“ aufgenommen, wie es am Sternenhimmel zu sehen ist? Vorausgesetzt der nächtliche Himmel ist wolkenfrei und nicht getrübt durch die Reflexion des Mondes oder künstlicher Lichter in der Nähe einer Stadt; und das Sternbild muss auch jahreszeitenbedingt sichtbar sein, was meistens der Fall ist, wenn auch manchmal nur knapp über dem Horizont.

 
Wer sich vom mythologischen Bild nicht beeinflussen lassen will, lösche dieses Bild im Inneren aus. Man sollte auch die Striche an den Zeichnungen vergessen, mit denen die Sterne auf den Karten verbunden werden. Dann muss man sich ganz frei auf die Reise machen, nachts bei sternenklarem Himmel einen dunklen Platz aufsuchen und eine Weile das Sternbild betrachten, die Himmelsrichtung, in der es platziert ist (es bewegt sich auch weiter), und die Umgebung mitnehmen, abwarten, ruhig sein, wie ein Jäger, der beharrlich seinen Platz einnimmt, bis das Wild eventuell kommt. Meditation ist eine geistig-natürliche Einstellung, zwanglos und frei.
Demnächst erzähle ich, was mir an dem Sternbild des „Haares der Berenike“ eingefallen ist, hineingefallen in mein Bewusstsein.

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