Eine politische Fragestunde mit meinem jungen freundlichen Gesprächspartner Eli aus Tel Aviv, Israel

Israel Cafe

Wie schätzt Eli die aktuelle politische Lage in Israel ein, frage ich ihn. Er ist sehr aufmerksam und wach und macht sich viele Gedanken. Seine Kollegin Sarah meint, am liebsten würde er gar nicht über politische Themen reden, denn die verfahrene Lage in seinem Land würde ihn so aufregen.

Ich beginne mit der Frage, ob ihn die Wiederwahl Netanyahus zum Ministerpräsidenten schockiert hätte. Er sagt: Israel braucht einen „spicy“ Führer. Der linke Kandidat des Zionistischen Lagers, Isaac Herzog, wäre zu weich und nicht durchsetzungsfähig gewesen. Außerdem hätte die Linke ihre Ziele längst verraten. So habe Eli den nationalistisch-religiösen Siedler-Chef Naftali Bennett vom Jüdischen Heim gewählt. Ich bin überrascht von Eli, denn als religiös würde er sich selber ja nicht bezeichnen. Im Gegenteil. Auch steht Naftali Bennett kaum für Versöhnung und Frieden, ebensowenig wie Netanyahu. Das Problem wäre nur, meint Eli, dass Bennett sich mit den falschen Leuten umgeben würde. Na ja.

Israel Bennett und Netanyahu

Ich spreche ihn auf die Beziehung zu den Palästinensern an. Er glaubt, dass sehr viel Vertrauens- und Aufbauarbeit geschehen müsse zwischen Israelis und Palästinensern, bevor es zu einem Frieden kommen kann. Und es würde sehr lange dauern. Beide Volksgruppen ignorierten sich in der Regel und in der Mehrzahl so penetrant und verhielten sich so, als würde die jeweils andere Volksgruppe gar nicht existieren. In der Regierung würden stets nur die kleinen religiösen Parteien mitvertreten sein, die viel zu mächtig seien, nie aber die arabische Minderheit. (Diese hat, nach meinen Recherchen, diesmal 13 von insgesamt 120 Sitzen in der Knesset, dem Parlament, erhalten.)

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Ich merke, dass auch Eli lieber von Arabern spricht als von Palästinensern. Er meint, dass die arabische Bevölkerung so weit hinterher sei in der geistigen und ökonomischen Entwicklung, dass man sie mit der jüdischen kaum vergleichen könne. Im Stammland Israel aber würden die Araber sehr profitieren, denn sie könnten hier auch die Schulen und Universitäten besuchen und an den Kultureinrichtungen mitwirken. Während es in der „Westbank“ und in Gaza schlimm aussehe. Dafür gibt er aber auch dem Staat Israel Schuld, denn man würde nichts tun für den ökonomischen Aufbau der Westbank (also dem ehemals Westjordanland genannten besetzten Gebiet). Er schlägt vor, die Wirtschaft zu fördern, indem man Fabriken an den Grenzen errichtet, in denen Juden und Araber miteinander arbeiten. Die Araber könnten so viel von den Juden lernen. Anstatt dass sie auf Hilfe von außen hoffen, könnten sie die Erfahrung der Juden nutzen. Sie, die Araber, hätten in den Juden die besten Beispiele für sich, wie sie sich selber weiter entwickeln könnten.

Weiter sagt er: Die meisten Juden machen sich überhaupt keine realistischen Gedanken, was denn in der von Palästinensern bewohnten Westbank in Zukunft geschehen soll. Dieses Gebiet wird nun vermehrt wieder Samaria und Judäa genannt, weil es von den religiös gesinnten Juden als originäres Zentrum ihrer geistigen Nation betrachtet wird, auf das sie selbstverständlich ein Anrecht haben. Er ist sehr skeptisch, ob es da je eine Lösung geben wird. Denn Judäa, der 10. der 12 Stämme Israels, ist auch jener Landstrich, aus dem sich das Wort Jude ableitet. Tief drinnen sind die gläubigen Juden überzeugt, dass dieses Land ihnen gehöre. Nicht die Küstenregion mit dem Gazastreifen. Darauf würden sie weniger Wert legen.

Judäa Samaria

Eli meint, wenn sich die Israelis einfach von der Westbank zurückziehen würden, dass dann radikale moslemische Kräfte das Ruder an sich reißen würden, ähnlich wie im Gazastreifen. Und das wäre sehr gefährlich. Auch könne man die jüdischen Siedlungen ruhig bestehen lassen.

Wir reden dann weiter über die Geschichte des Judentums. Die meisten Juden in Israel sind ja Einwanderer aus Europa. Fast jeder seiner Freunde hat eine Ahnengeschichte in einem der ost- oder westeuropäischen Länder. Die Sephardim, die von der spanischen Inquisition vertriebenen Juden, die sich in Nordafrika niedergelassen hatten, seien eine Minderheit in Israel, etwa 15 Prozent (weltweit sind es nur 5%, wenn ich bei den richtigen Quellen nachgesehen haben sollte). Als Israel gegründet wurde, 1948, ist die Sprache Hebräisch wiederbelebt worden. Das Jiddische dagegen wurde als Nationalsprache verboten. Nur Hebräisch sollte in Israel gesprochen werden.

Als Eli über die Judenverfolgungen in den vergangenen Jahrhunderten spricht, verändert sich seine Stimme und Stimmung merklich. So etwas wie ein Schmerz, eine Empörung, ein Trotz wird spürbar, der leicht umschlagen kann in eine Aggression, die sich daraus rechtfertigt. Von mir angesprochen darauf, dass die Araber bei der Gründung Israels ja wohl kaum um Zustimmung gefragt wurden, verweist er auf die lange Sehnsucht der Juden, in einem (ihrem) gemeinsamen Land endlich zusammen leben zu dürfen. Als die historische Chance da war, da wollten sie sich das natürlich nicht von den Arabern streitig machen lassen. Und das geringste, an das sie dachten, war, mit den Arabern zusammen in einem Land zu leben.

Anfangs sei Israel sozialistisch gewesen. Die Grundidee des Staates Israel sei sozialistisch. Das sei heute noch zum Teil so, wenngleich große Firmen mehr und mehr das Sagen haben. Heute sei er selbst, Eli, kein Linker mehr. Die Idee, obwohl gut, sei gescheitert und der Kapitalismus habe durchaus sein Gutes.

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Zur gegenwärtigen und modernen Kultur Israels äußert er sich so, dass sie sehr komplex und vielfältig sei. So zum Beispiel gäbe es in Tel Aviv einmal im Jahr die größte Gay-Parade der Welt, wofür das Land auch kritisiert werden würde. Aber man solle das verstehen, obwohl es ein komplexes Thema sei. Seine Begeisterung zum Beispiel für Fußball war auch insofern zu sehen, dass er einmal, als ich ihn traf, ein Totenkopf-T-Shirt vom deutschen Fußballverein St.Pauli aus Hamburg trug. Hapoel Tel Aviv sei der Partnerverein von St.Pauli und es gebe dorthin Freundschaftsbeziehungen. Er selber sei schon einige Male in Deutschland gewesen und er möge das Land, wahrscheinlich am liebsten von allen europäischen Ländern.

Wir haben uns sehr gut verstanden während dieses Gesprächs und es war auch eine gegenseitige Wertschätzung zu spüren. Gerne hätte ich auch noch mit einem Palästinenser seines Alters gesprochen. Ich bin mir sicher, dass ich das gleiche Interesse für ihn aufgebracht hätte. Leider fand ich in der kurzen Zeit meines Besuches keine Gelegenheit dazu. Und ich bin mir bewusst darüber, dass in mir sehr wohl beide Seiten leicht vereint werden könnten und wie viel schwieriger das ist für jemanden, der mit seiner ganzen persönlichen Geschichte und kollektiven Mythologie einseitig in einer der beiden verfeindeten Kulturen groß geworden ist. Nichtsdestoweniger, der Job ist unausweichlich. Und er wird, wenn er gelingt, positive Erschütterungen im Weltganzen bewirken, die historisch wohl sehr selten in dieser Macht passiert sein werden.

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